Im Sommer 1970 bin ich im Alter von 11 Jahren mit meinen Eltern und meiner Schwester aus der damaligen #Tschechoslowakei in die Bundesrepublik Deutschland gekommen. Der erste Schritt zu meiner Intergration war das Erlernen der deutschen Sprache, der zweite Schritt war meine politische Aktivität. Da wo man sich einmischt, wo man Veränderungen herbei führen will, dort ist man zu Hause (frei nach Wolf Biermann). Sozialisiert als Kind im realexistierenden Sozialismus und politisch integriert im real existierenden Kapitalismus, das sind für mich wichtige Lebenserfahrungen. Meine Eltern haben als einfache Arbeiter beim Daimler am Band gearbeitet, sie haben mir ermöglicht Abitur zu machen und zu studieren.

Ich lebe in Sindelfingen, in einer Stadt in der über 50 % der Menschen einen #Migrationshintergrund haben.Diese Menschen sind in den kommunalen Parlamenten deutlich unterrepräsentiert: Von 2009 bis 2019 war ich der einzige #Stadtrat in #Sindelfingen mit Migrationshintergrund. Seit 2019 sind wir mit einer Kollegin aus England immerhin zu zweit.

In der Linken in Baden-Württemberg sieht es aber auch nicht viel besser aus. Von 2009 bis 2017 war ich der Landesgruppe der LINKEN Baden-Württemberg nicht nur der einzige Kommunalpolitiker, sondern auch der einzige Abgeordneter mit Migrationsgeschichte. Obwohl in Baden-Württemberg 30,9 % Menschen mit Migrationshintergrund leben, spiegelt sich der Anteil nicht in den Parlamenten wieder. 

In der 17. Legislaturperiode des Bundestags gab es in jeder Fraktion Abgeordnete mit Migrationsgeschichte. Wir wurden von Bundestagspäsident Lammert zum Essen eingeladen. Hierbei wurde sehr schnell klar, dass die 8% der Abgeordneten mit Migrationshintergrund übertrieben sind. Denn auch diejenigen, die in Deutschland geboren wurden und einen Elternteil aus einem anderen Land hatten, zählten zu den genannten 8 %.

"Politik ohne Grenzen" hieß das 2017 erschienene Buch, das vom grünen Politiker Özcan Mutlu dankenswerterweise initiiert und herausgegeben wurde. Es vereint die Geschichten der Abgeordneten mit Migrationshintergrund aus allen Fraktionen des Bundestags. Ich habe im Buch ebenfalls meine Geschichte verewigt. Das Buch ist aber auch wichtig, weil deutlich wird, wie wichtig das Projekt EUROPA ist. Wenn ich selbst gefragt werde, ob ich mich als Deutscher oder Tscheche empfinde, antworte ich, dass ich Europäer bin.

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